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Hilberträume und Dirac-Notation

Struktur der Hilberträume, topologischer Dualraum und Dirac-Notation in endlicher und unendlicher Dimension.

Hilberträume

Mathematische Strukturen: Vektorräume, metrische Räume, Norm, normierte Vektorräume, Skalarprodukt, Prä-Hilbertraum, Hilbertraum, algebraische Basis, Hilbertbasis, Dimension, Klassifikation, Modellräume, Isomorphismen

HilbertraumNormierter RaumHermitesches SkalarproduktAlgebraische DimensionHilbertdimensionHilbertbasisVollständigkeitKlassifikation der Hilberträume

In dieser Lektion definieren wir Hilberträume präzise und zeigen zunächst, wie und wo sie in die großen mathematischen Bereiche Algebra und Topologie eingeordnet sind. Wir gelangen zum Klassifikationssatz für Hilberträume: Zwei Hilberträume sind isometrisch isomorph, wenn sie dieselbe Hilbertdimension besitzen. Diese darf nicht mit der algebraischen Dimension eines Vektorraums verwechselt werden, denn beide stimmen nur im endlichdimensionalen Fall überein. Für jeden Fall, endlichdimensional, abzählbar unendlichdimensional und überabzählbar unendlichdimensional, geben wir die maßgeblichen Modellräume an und skizzieren ihre Anwendungen in der elementaren Quantenmechanik. Abschließend betrachten wir, ob die Physik in durch Isomorphismen verbundenen Hilberträumen unverändert bleibt.

1. Mathematische Strukturen in der Physik

Um zu den Hilberträumen zu gelangen, erinnern wir kurz an die „Landkarte der Mathematik“, die in der theoretischen Physik am häufigsten verwendet wird. Die nächste Seite zeigt eine stark vereinfachte und bei Weitem unvollständige, für diesen Kurs aber ausreichende Version dieser Karte, siehe Abbildung (1).

Geht man vom anschaulichen Begriff einer Punktmenge aus1, fügt man dieser Menge schrittweise Struktur hinzu. Im Folgenden erläutern wir dieses Schema nach und nach.

Anmerkung 1: Dazu ließe sich mehr sagen, doch das liegt außerhalb unseres Themas; siehe formale Logik und Prädikatenkalkül.
Illustrierter Wegweiser zu einigen mathematischen Strukturen der Grundlagenphysik. Durchgezogene schwarze Linien zwischen A B bedeuten, dass B eine Unterstruktur oder Teilmenge von A ist, je nach Zusammenhang. Gestrichelte Linien bedeuten, dass B für seine Konstruktion die Begriffe von A benötigt. Violette Pfeile und Texte kennzeichnen physikalische Anwendungen. Der rechte Zweig der Differentialgeometrie ist in der elementaren Quantenmechanik nicht unmittelbar erforderlich.
Abbildung 1. Illustrierter Wegweiser zu einigen mathematischen Strukturen der Grundlagenphysik. Durchgezogene schwarze Linien zwischen A \to B bedeuten, dass B eine Unterstruktur oder Teilmenge von A ist, je nach Zusammenhang. Gestrichelte Linien bedeuten, dass B für seine Konstruktion die Begriffe von A benötigt. Violette Pfeile und Texte kennzeichnen physikalische Anwendungen. Der rechte Zweig der Differentialgeometrie ist in der elementaren Quantenmechanik nicht unmittelbar erforderlich.

1.1. Algebraische Strukturen und Vektorräume

Von Punktmengen aus können wir unmittelbar den linken Zweig unserer Karte (1) betreten: die algebraischen Strukturen, mit denen meist, aber nicht ausschließlich, Zahlenmengen beschrieben werden.

Dazu versieht man die Punktmenge mit einer oder mehreren inneren Verknüpfungen. Erfüllen diese bestimmte Regeln wie Assoziativität, Kommutativität oder die Existenz eines neutralen Elements, erhält man jeweils besondere Strukturen.

Die Abbildung zeigt einige grundlegende Strukturen: Magmen, also Mengen mit einer inneren Verknüpfung ohne weitere Eigenschaften, Gruppen, Ringe und Körper. Daneben gibt es viele weitere, etwa Halbgruppen, Monoide oder nichtkommutative Ringe, die zur besseren Lesbarkeit nicht dargestellt sind. Jede dieser Strukturen spezialisiert die vorherige: Jeder Körper ist ein Ring, jeder Ring bezüglich der Addition eine Gruppe usw. Besonders wichtig ist die Körperstruktur, insbesondere die der reellen oder komplexen Zahlen mit den vier gewöhnlichen Rechenoperationen. Sie erlaubt außerdem den Aufbau von Vektorräumen darüber.

Definition 1 (Vektorraum)
Ein Vektorraum EE über einem Körper K\mathbb{K} ist eine Menge mit zwei Operationen:
  1. Addition: +:E×EE+: E \times E \to E, (x,y)x+y(x,y) \mapsto x+y,
  2. Skalarmultiplikation: K×EE\mathbb{K} \times E \to E, (α,x)αx(\alpha,x) \mapsto \alpha x,

welche die üblichen Axiome erfüllen: Kommutativität, Assoziativität, Existenz eines Nullvektors und additiver Inverser, Distributivität usw.

Nun kann man Linearkombinationen bilden und von linear unabhängigen und erzeugenden Familien sowie von Basis und Dimension des Vektorraums sprechen. In diesem Kapitel müssen jedoch zwei Basisbegriffe klar unterschieden werden: algebraische Basen für beliebige Vektorräume und Hilbertbasen, die nur für Hilberträume gelten. Sie stimmen in endlicher, nicht aber in unendlicher Dimension überein. Ebenso sind algebraische Dimension und Hilbertdimension zu unterscheiden. Für das Folgende sind daher einige Erinnerungen sinnvoll.

Definition 2 (Algebraische Basis)
Sei EE ein Vektorraum über einem Körper K\mathbb{K}. Eine Familie (ei)iI(e_i)_{i \in I} ist eine algebraische Basis von EE, wenn jeder Vektor xEx \in E eindeutig als endliche Linearkombination von Elementen dieser Familie geschrieben werden kann; dabei muss II nicht endlich sein: x=iFαiei,FI,F endlich, αiK.x = \sum_{i \in F} \alpha_i e_i, \quad F \subset I, F \text{ endlich}, \ \alpha_i \in \mathbb{K}.

Dies ist gleichbedeutend mit der üblichen anderen Definition: Eine Familie (ei)iI(e_i)_{i \in I} ist genau dann eine Basis, wenn sie zugleich linear unabhängig ist und EE erzeugt. Der Basisbegriff erlaubt es, die Dimension eines Vektorraums zu definieren.

Definition 3 (Algebraische Dimension eines Vektorraums)
Der Satz von der Invarianz der Dimension besagt, dass alle algebraischen Basen desselben Vektorraums EE dieselbe Mächtigkeit besitzen. Diese gemeinsame Mächtigkeit aller Basen von EE heißt Dimension von EE.
  • Besitzt EE eine endliche Basis aus nn Vektoren, so hat EE die Dimension nn.
  • Besitzt EE keine endliche Basis, so heißt EE unendlichdimensional.

Auch im unendlichdimensionalen Fall verlangt die Definition einer algebraischen Basis, dass jeder Vektor eine endliche Summe von Basisvektoren ist. Eine Darstellung als unendliche Summe ist nicht zulässig, denn dafür müsste man wissen, ob die Summe konvergiert; dies erfordert eine Topologie. In einem Hilbertraum wird dies möglich und begründet den angepassten Begriff der Hilbertbasis, siehe Abschnitt 2.3.

Eine natürliche Frage lautet: Wie viele verschiedene Vektorräume gibt es, und lassen sie sich klassifizieren? Algebraisch ist die Antwort ja. Dazu braucht man eine Äquivalenzrelation: den Vektorraumisomorphismus, eine eineindeutige Zuordnung zwischen zwei Vektorräumen EE und FF, welche die lineare Struktur erhält:

Definition 4 (Vektorraumisomorphismus)
Seien EE und FF zwei Vektorräume über demselben Körper K\mathbb{K}. Eine Abbildung T:EFT : E \to F heißt Isomorphismus, wenn:
  1. TT linear ist: Für alle (x,y)E2(x,y) \in E^2 und αK\alpha \in \mathbb{K} gilt T(x+y)=T(x)+T(y),T(αx)=αT(x),T(x+y) = T(x) + T(y), \quad T(\alpha x) = \alpha T(x),
  2. TT bijektiv ist.

Dann schreibt man EFE \simeq F; die Abbildung T1:FET^{-1} : F \to E existiert und ist linear.

Bemerkung: Diese Definition ist rein algebraisch. Sind EE und FF mit einer zur Vektorraumstruktur kompatiblen Topologie ausgestattet, unterscheidet man den topologischen Isomorphismus: Zusätzlich müssen TT und T1T^{-1} stetig sein. Darauf kommen wir bei normierten Räumen und Hilberträumen zurück.

Damit erhalten wir den grundlegenden Satz:

Satz 1 (Klassifikation in endlicher Dimension)
Zwei endlichdimensionale Vektorräume über K\mathbb{K} sind genau dann isomorph, wenn sie dieselbe Dimension besitzen. Insbesondere ist jeder nn-dimensionale Vektorraum über K\mathbb{K} isomorph zu Kn\mathbb{K}^n.

Über K=R\mathbb{K} = \R oder C\C gibt es somit praktisch nur ein Modell eines endlichdimensionalen Vektorraums der Dimension nn: Rn\R^n beziehungsweise Cn\C^n, die Menge der nn-Vektoren mit reellen beziehungsweise komplexen Komponenten.

In unendlicher Dimension gilt dasselbe Klassifikationsprinzip. Nimmt man das Auswahlaxiom an, lässt sich zeigen, dass jeder Vektorraum eine sogenannte Hamelbasis besitzt. Der Klassifikationssatz verallgemeinert sich: Zwei Vektorräume über demselben Körper K\mathbb{K} sind genau dann isomorph, wenn ihre Basen dieselbe Mächtigkeit haben.

Die Mächtigkeit einer unendlichen Basis beschreibt man durch transfinite Kardinalzahlen. Sie unterscheiden verschiedene „Größen“ des Unendlichen. Die kleinste unendliche Kardinalzahl heißt 0\aleph_0: Sie ist die Mächtigkeit von N\mathbb{N}, aber auch von Z\mathbb{Z} und Q\mathbb{Q}. Rekursiv definiert man anschließend die Hierarchie 0<1<2<\aleph_0 < \aleph_1 < \aleph_2 < \cdots, wobei n+1\aleph_{n+1} jeweils die kleinste Kardinalzahl ist, die strikt größer als n\aleph_n ist; dazwischen liegt keine weitere. In der mathematischen Logik besagt die Kontinuumshypothese, dass es keine unendliche Mächtigkeit zwischen denen von N\mathbb{N} und R\mathbb{R} gibt. Dann entspricht 1\aleph_1 der Mächtigkeit von R\mathbb{R}.

Diese Klassifikation ist allerdings praktisch wenig hilfreich, weil eine Hamelbasis im Allgemeinen nicht explizit konstruiert werden kann. Die Klassifikation der Vektorräume bleibt daher vorwiegend theoretisch. In normierten Räumen und Hilberträumen ändert sich die Situation: Orthonormalbasen lassen sich explizit angeben, zumindest bei endlicher oder abzählbar unendlicher Hilbertdimension, siehe Abschnitt 3.

Bevor wir zu Hilberträumen gelangen, müssen wir jedoch dem mittleren Zweig unserer mathematischen Landkarte folgen und metrische sowie normierte Räume betrachten.

1.2. Metrische und normierte Räume

Im mittleren Zweig der Karte (1) versieht man zunächst eine Punktmenge mit einer Topologie. Einzelheiten behandeln wir in einem anderen Kapitel über die Topologie normierter Räume und Hilberträume. Hier genügt: Eine Topologie liefert einen Begriff der Lokalität, mit dem Konvergenz, Grenzwert und Stetigkeit definiert werden können. Insbesondere sind metrische Räume topologische Räume: Punktmengen mit einem Abstand, der einen Begriff der Lokalität festlegt.

Definition 5 (Metrischer Raum)
Ein metrischer Raum ist ein Paar (X,d)(X,d), wobei XX eine Menge ist und d:X×XR+d : X \times X \to \mathbb{R^+} ein Abstand, für den für alle (x,y,z)X3(x,y,z) \in X^3 gilt: d(x,y)0,d(x,y)=0    x=y,d(x,y)=d(y,x),(Symmetrie)d(x,z)d(x,y)+d(y,z).(Dreiecksungleichung)\begin{aligned} & d(x,y) \geq 0, \quad d(x,y) = 0 \iff x=y, \\[0.5em] & d(x,y) = d(y,x), \quad \textrm{(Symmetrie)}\\[0.5em] & d(x,z) \leq d(x,y) + d(y,z). \quad \textrm{(Dreiecksungleichung)} \end{aligned}

Nun können wir den algebraischen und topologischen Zweig der Karte 1 zusammenführen, indem wir metrische Räume betrachten, deren zugrunde liegende Menge XX ein Vektorraum ist, also Vektorräume mit einem Abstand. So gelangen wir zu einer für die Quantenmechanik grundlegenden Struktur, deren Spezialfall die Hilberträume sind: normierte Vektorräume.

Dabei wollen wir nicht alle Abstände zulassen. Weil der Raum linear ist, soll der Abstand mit der Vektorraumstruktur verträglich sein:

Definition 6 (Mit der Vektorraumstruktur verträglicher Abstand)
Sei EE ein Vektorraum über K\mathbb{K} und dd eine Metrik auf EE. dd heißt mit der Vektorraumstruktur verträglich, wenn:
  1. Translationsinvarianz: d(x+z,y+z)=d(x,y)d(x+z, y+z) = d(x,y) für alle (x,y,z)E3(x,y,z) \in E^3
  2. Homogenität: d(λx,λy)=λd(x,y)d(\lambda x, \lambda y) = |\lambda| d(x,y) für alle (x,y)E2(x,y) \in E^2 und λK\lambda \in \mathbb{K}

Diese Bedingungen drücken aus, dass der Abstand die Geometrie des Vektorraums respektiert: Er muss translationsinvariant sein, entsprechend der Homogenität des Raums, und Streckungen müssen Abstandsverhältnisse erhalten2  3. Nun führt uns folgende Aussage zu normierten Räumen: Ist dd eine verträgliche Metrik auf dem Vektorraum EE, so ist der Abstand zum Ursprung, also zum Nullvektor, x=d(x,0E)\norm{x} = d(x, 0_E) eine Norm.

Anmerkung 2: Man könnte zusätzlich Rotationsinvarianz fordern. Dies würde jedoch nur isotrope Normen wie die euklidische zulassen und etwa x=x12+4x22\norm{x} = \sqrt{x_1^2 + 4 x_2^2} in der Ebene ausschließen, obwohl dies trotz der Anisotropie eine gültige Norm ist.
Anmerkung 3: Dafür braucht man auch einen Absolutbetrag auf K\mathbb{K}; man spricht von einem bewerteten Körper. Im Folgenden verwenden wir den üblichen Betrag auf R\R und den komplexen Betrag auf C\C.
Beweis.
Er erfüllt nämlich die folgenden Eigenschaften, die eine Norm definieren:
  1. x0\|x\| \geq 0 und x=0    x=0E\|x\| = 0 \iff x = 0_E
  2. λx=λx\|\lambda x\| = |\lambda| \|x\| für alle xEx \in E und λK\lambda \in \mathbb{K}
  3. x+yx+y\|x + y\| \leq \|x\| + \|y\| für alle (x,y)E2(x,y) \in E^2

Ein Vektorraum mit einem solchen Abstand ist somit ein normierter Vektorraum:

Definition 7 (Normierter Vektorraum)
Ein normierter Vektorraum ist ein Paar (E,)(E, \|\cdot\|) aus einem Vektorraum EE und einer Norm \|\cdot\| auf EE. Durch diese Norm ist er ein topologischer Raum.

Jeder normierte Vektorraum (E,)(E, \|\cdot\|) bestimmt kanonisch einen metrischen Raum (E,d)(E, d) durch d(x,y)=xyd(x,y) = \|x-y\|, dessen Metrik automatisch mit der Vektorraumstruktur verträglich ist. Normierte Vektorräume entsprechen somit bijektiv einer besonderen Unterklasse metrischer Räume. In diesem Sinn bilden sie eine Teilmenge davon.

2. Hilberträume

Wir sind damit bei den normierten Räumen in Abbildung (1) angekommen. Üblicherweise sagt man kurz normierter Raum statt normierter Vektorraum; häufig verwendet man auch die Abkürzung NVR. Als Nächstes definieren wir Prähilberträume und danach Hilberträume, die den mathematischen Rahmen der Quantenmechanik bilden.

Da die Quantenmechanik auf komplexen Zahlen aufbaut, beschränken wir uns von nun an auf K=C\mathbb{K} = \C. Bisher bezeichneten EE und FF Vektorräume und normierte Räume. Für (Prä-)Hilberträume verwenden wir nun H\mathcal{H} und G\mathcal{G}. Vektoren heißen weiterhin x,y,zx, y, z usw.

2.1. Prähilbertraum und Skalarprodukt

Ein Prähilbertraum ist ein normierter Vektorraum, dessen Norm von einem Skalarprodukt stammt. Das gilt nicht immer: Manche Normen lassen sich aus keinem Skalarprodukt gewinnen, etwa die Supremumsnorm4. Prähilberträume bilden daher eine echte Teilmenge der normierten Vektorräume. Erinnern wir an die Definition eines hermiteschen Skalarprodukts über C\C:

Anmerkung 4: Auf Cn\C^n ist sie beispielsweise definiert durch x=maxixi\|x\|_\infty = \max_i |x_i|. Man kann zeigen, dass sie die Parallelogrammidentität x+y2+xy2=2(x2+y2)\|x+y\|^2 + \|x-y\|^2 = 2(\|x\|^2 + \|y\|^2), nicht erfüllt, obwohl diese für jede von einem Skalarprodukt stammende Norm gelten muss. Siehe auch [5]
Definition 8 (Hermitesches Skalarprodukt auf einem C\C-Vektorraum)
Ein hermitesches Skalarprodukt auf einem komplexen Vektorraum H\mathcal{H} ist eine Abbildung ,:H×HC\langle \cdot, \cdot \rangle : \mathcal{H} \times \mathcal{H} \to \mathbb{C} mit folgenden Eigenschaften:
  1. Linearität im zweiten Argument: (x,y,z)H3,(λ,μ)C2\forall (x, y, z) \in \mathcal{H}^3, \forall (\lambda, \mu) \in \mathbb{C}^2,

    x,λy+μz=λx,y+μx,z\langle x, \lambda y + \mu z \rangle = \lambda \langle x, y \rangle + \mu \langle x, z \rangle

    (1)

  2. Hermitesche Symmetrie: (x,y)H2\forall (x, y) \in \mathcal{H}^2,

    x,y=y,x\langle x, y \rangle = \langle y, x \rangle^*

    (2)

  3. Positive Definitheit: xH\forall x \in \mathcal{H},

    x,x0undx,x=0x=0H\langle x, x \rangle \geq 0 \quad \text{und} \quad \langle x, x \rangle = 0 \Leftrightarrow x = 0_{\H}

    (3)

Aus (1) und (2) folgt die konjugierte Linearität oder Antilinearität im ersten Argument5: λx+μy,z=λx,z+μy,z\langle \lambda x + \mu y, z \rangle = \lambda^* \langle x, z \rangle + \mu^* \langle y, z \rangle. Eine in einem Argument lineare und im anderen konjugiert-lineare Abbildung heißt sesquilinear6. Im Folgenden sagen wir nur Skalarprodukt; „hermitesch“ ist stillschweigend mitgemeint.

Anmerkung 5: In der Mathematik gilt meist die umgekehrte Konvention: linear im ersten, konjugiert-linear im zweiten Argument. Die grundlegenden Eigenschaften ändern sich dadurch nicht.
Anmerkung 6: Auf einem R\mathbb{R}-Vektorraum ist keine Konjugation nötig; das Skalarprodukt ist schlicht bilinear.

Ein wichtiges topologisches Ergebnis sei vorweggenommen: Das Skalarprodukt ist in beiden Variablen stetig. Gilt xnxx_n \to x und ynyy_n \to y bezüglich der Norm, also xnx0\|x_n - x\| \to 0 und yny0\|y_n - y\| \to 0, dann

xn,ynx,y in C\langle x_n, y_n \rangle \to \langle x, y \rangle \text{ in } \C

Bei den Postulaten der Quantenmessung werden wir sehen, dass die Wahrscheinlichkeit, die zum Eigenvektor φ\phi gehörende physikalische Größe zu beobachten, wenn das System im Zustand ψ\psi ist, durch φ,ψ2|\langle \phi , \psi \rangle|^2 gegeben wird; siehe Abschnitt 1.2 (Thema 3, Lektion 1, in dieser Sprache nicht verfügbar). Die Stetigkeit des Skalarprodukts gewährleistet somit, dass kleine Änderungen von ψ\psi kleine Änderungen der Wahrscheinlichkeiten bewirken, wie gewünscht.

Das Skalarprodukt erfüllt eine weitere grundlegende Eigenschaft:

Satz 2 (Cauchy-Schwarz-Ungleichung)
Für alle Vektoren xx und yy aus H2\mathcal{H}^2 gilt:

x,yx y|\langle x,y\rangle |\leqslant \|x\|\ \|y\|

(4)

wobei x  =def  x,x\|x\| \equiv \sqrt{\langle x, x \rangle}.

Mit dieser Ungleichung zeigt man insbesondere, dass xx=x,xx \mapsto \|x\| = \sqrt{\langle x, x \rangle} tatsächlich eine Norm ist, wie die Schreibweise nahelegt.

Beweis.
Wir prüfen die drei Normaxiome. Es gilt x2=x,x0\|x\|^2 = \langle x, x \rangle \geq 0, mit Gleichheit genau für x=0Hx = 0_{\H}, unmittelbar nach Definition des Skalarprodukts. Ferner gilt λx=λx,λx=λ2x,x=λx\|\lambda x\| = \sqrt{\langle \lambda x, \lambda x \rangle} = \sqrt{|\lambda|^2 \langle x, x \rangle} = |\lambda| \|x\|. Schließlich schreiben wir x+y2=x+y,x+y=x2+2x,y+y2x2+2x,y+y2.\begin{aligned} \|x + y\|^2 &= \langle x+y, x+y \rangle \\ &= \|x\|^2 + 2\,\Re\langle x, y \rangle + \|y\|^2 \\ &\leq \|x\|^2 + 2|\langle x, y \rangle| + \|y\|^2. \end{aligned}

Mit Cauchy-Schwarz, x,yxy|\langle x, y \rangle| \leq \|x\|\,\|y\|, erhalten wir:

x+y2x2+2xy+y2=(x+y)2,\|x+y\|^2 \leq \|x\|^2 + 2\|x\|\,\|y\| + \|y\|^2 = \bigl(\|x\| + \|y\|\bigr)^2,

Durch Ziehen der Quadratwurzel folgt die Dreiecksungleichung.

Damit gelangen wir zu folgender Definition:

Definition 9 (Komplexer Prähilbertraum)
Ein komplexer Prähilbertraum ist ein Vektorraum mit einem hermiteschen Skalarprodukt. Die Abbildung x=x,x\|x\| = \sqrt{\langle x, x \rangle} ist eine Norm und macht ihn zu einem normierten Vektorraum.

In einem komplexen Prähilbertraum H\mathcal{H} gelten folgende nützliche Formeln.

Proposition 1 (Formelsammlung)
Seien (x,y)H2(x, y) \in \mathcal{H}^2 und (x1,,xn)(x_1, \dots, x_n) eine Familie von Vektoren aus H\mathcal{H}.
  1. Satz des Pythagoras: x,y=0    x+y2=x2+y2\langle x, y \rangle = 0 \iff \|x + y\|^2 = \|x\|^2 + \|y\|^2. Allgemeiner gilt, wenn die (xi)1in(x_i)_{1 \le i \le n} paarweise orthogonal sind:

    i=1nxi2=i=1nxi2\left\| \sum_{i=1}^n x_i \right\|^2 = \sum_{i=1}^n \|x_i\|^2

    (5)

  2. Parallelogrammidentität:

    x+y2+xy2=2(x2+y2).\|x + y\|^2 + \|x - y\|^2 = 2 \left( \|x\|^2 + \|y\|^2 \right).

    (6)

  3. Polarisationsformel:

    x,y=14(x+y2xy2+ix+iy2ixiy2)\langle x, y \rangle = \frac{1}{4} \left( \|x + y\|^2 - \|x - y\|^2 + i \|x + iy\|^2 - i \|x - iy\|^2 \right)

    (7)

Die letzten beiden Formeln hängen mit einem wichtigen Satz über hermitesche Skalarprodukte und Normen zusammen. Der Satz von Fréchet-von Neumann-Jordan besagt: Eine Norm \|\cdot\| auf einem normierten Raum EE stammt genau dann von einem Skalarprodukt, wenn sie die Parallelogrammidentität erfüllt. Diese ist der Test auf die Existenz eines Skalarprodukts. Ist der Test erfüllt, liefert die Polarisationsformel das Rezept, um das Skalarprodukt aus der Norm zu rekonstruieren.

2.2. Vollständigkeit und Hilbertraum

Für den Übergang von Prähilberträumen zu Hilberträumen ist ein topologischer Begriff unverzichtbar: Vollständigkeit.

Definition 10 (Hilbertraum)
Ein Hilbertraum H\mathcal{H} ist ein Prähilbertraum, der bezüglich der von seinem Skalarprodukt induzierten Norm vollständig ist. Das heißt, jede Cauchyfolge in H\mathcal{H} konvergiert in H\mathcal{H}. Solche Folgen erfüllen:

ε>0,NNsodasspNqNd(xp,xq)<ε,\forall \varepsilon > 0, \exists N \in \N \quad \textrm{sodass} \quad \forall p\geq N\quad \forall q\geq N\quad d(x_{p},x_{q})<\varepsilon ,

(8)

für den durch die Norm definierten Abstand. Ihre Glieder kommen einander bei wachsendem nn beliebig nahe.

Auf diese topologischen Aspekte kommen wir im entsprechenden Kapitel zurück. Hier halten wir nur fest: Vollständigkeit ist für die Quantenphysik wesentlich. Anschaulich besitzt ein vollständiger Raum keine „Löcher“. Eine Folge von Elementen aus H\mathcal{H} kann also nicht gegen etwas außerhalb von H\mathcal{H} konvergieren. Genau dies fehlt etwa den rationalen Zahlen: Eine passend gewählte rationale Folge kann gegen eine nicht rationale Zahl streben. So lässt sich tatsächlich die Menge der reellen Zahlen konstruieren.

In der Quantenmechanik ist jeder physikalische Zustand des Systems ein Vektor des Hilbertraums und umgekehrt. Dies ist ihr erstes Postulat. Wäre der Zustandsraum nicht vollständig, könnte die Entwicklung einer Wellenfunktion unter der Schrödinger-Gleichung etwa „den Raum verlassen“ und zu einem „unphysikalischen Zustand“ werden, was sinnlos wäre.

Vollständigkeit tritt auch in einem weiteren Grundpostulat auf: Die Ergebnisse von Quantenmessungen müssen zum Spektrum physikalischer Observablen gehören, die als selbstadjungierte lineare Operatoren betrachtet werden. In einem unvollständigen Raum besitzt ein Operator jedoch nicht immer einen adjungierten Operator. Außerdem ist Vollständigkeit für den Spektralsatz notwendig, mit dem die Struktur selbstadjungierter Operatoren untersucht wird.

Schließlich erfordert jeder quantenmechanische Ausdruck mit einer unendlichen Summe, etwa eine Fourierreihe oder eine Entwicklung in Eigenzuständen, Vollständigkeit, um sinnvoll zu sein. Der Ausdruck ψ=n=1cnn|\psi\rangle = \sum_{n=1}^{\infty} c_n |n\rangle in Dirac-Notation, siehe Abschnitt 4 (Thema 2, Lektion 2), setzt beispielsweise die Existenz dieser Reihe voraus, die erst durch Vollständigkeit gewährleistet wird.

Es gibt allerdings eine gute Nachricht: Diese Feinheit der Vollständigkeit ist nur in unendlicher Dimension nötig. In endlicher Dimension vereinfacht ein wichtiger Satz die Frage:

Satz 3 (Vollständigkeit endlichdimensionaler normierter Räume)
Jeder endlichdimensionale normierte Vektorraum über einem vollständigen bewerteten Körper7, etwa R\mathbb{R} oder C\mathbb{C}, ist vollständig. Insbesondere ist jeder endlichdimensionale Prähilbertraum über R\R oder C\C automatisch ein Hilbertraum.
Anmerkung 7: Ein Körper mit einem Absolutbetrag, der selbst bezüglich dieses Betrags vollständig ist.

Nun können wir zur algebraischen Beschreibung der Hilberträume übergehen.

2.3. Algebraische Basis und Hilbertbasis

Oben erinnerten wir an die algebraische Basis eines Vektorraums, siehe Definition 2. Sie erlaubt die Darstellung von Vektoren als endliche Summe. Die zentrale Idee hinter der norminduzierten Topologie und der Vollständigkeit ist folgende: Nun können wir von Folgenkonvergenz sprechen, insbesondere von der Konvergenz partieller Summen (xn)(x_n) mit xn=k=1nxkx_n = \sum_{k=1}^{n} x_k für gewisse Vektoren xkx_k. Konvergiert diese Summe, erhalten wir eine Reihe, also eine unendliche Summe: (xn)x(x_n) \to x und x=k=1xkx = \sum_{k=1}^{\infty} x_k. Ist der Raum vollständig, gehört dieser Grenzwert sicher zum Raum.

Mit anderen Worten: Bei unendlicher algebraischer Dimension des Hilbertraums dürfen wir Vektoren nun in unendliche Reihen entwickeln. Daraus ergibt sich ein neuer Basisbegriff:

Definition 11 (Hilbertbasis)
Sei H\mathcal{H} ein Hilbertraum. Eine Familie (ei)iI(e_i)_{i \in I} heißt Hilbertbasis, wenn sie eine totale orthonormale Familie ist, das heißt:
  1. Sie ist orthonormal: ei,ej=δij\langle e_i, e_j \rangle = \delta_{ij}.
  2. Sie ist total: Die endlichen Linearkombinationen liegen dicht in H\mathcal{H}: Vect(ei,iI)=H,\overline{\mathrm{Vect}(e_i, i \in I)} = \mathcal{H},

    Der Querstrich bezeichnet den Abschluss. Einzelheiten stehen im Topologiekapitel.

Zum Verständnis benötigen wir den topologischen Begriff der Dichtheit:

Definition 12 (Dichtheit in einem normierten Raum)
Sei (X,X)(X, \|\cdot\|_X) ein normierter Raum und AXA \subseteq X. Die Menge AA heißt dicht in XX, wenn jeder Punkt von XX durch Punkte von AA beliebig genau approximiert werden kann. Für jedes xXx \in X und jedes ε>0\varepsilon > 0 existiert also aAa \in A mit xa<ε\norm{x -a} < \varepsilon.

Dies gilt auch in einem Hilbertraum, der insbesondere normiert ist. Totalität bedeutet somit, dass jeder Vektor aus H\H durch eine endliche Linearkombination von Elementen aus H\H beliebig genau approximiert werden kann.

Anders als bei einer algebraischen Basis behaupten wir nicht, jeder Vektor sei eine endliche Linearkombination, sondern er lasse sich durch eine Linearkombination der Hilbertbasis beliebig genau annähern. Aufgrund der Vollständigkeit konvergieren diese Approximationen tatsächlich gegen x. Für eine beliebige Mächtigkeit von II gilt dann:

Satz 4 (Entwicklungssatz)
Ist (ei)iI(e_i)_{i \in I} eine Hilbertbasis von H\mathcal{H}, so kann jedes xHx \in \mathcal{H} geschrieben werden als:

x=iIei,xeix = \sum_{i \in I} \langle e_i, x \rangle e_i

(9)

Außerdem gilt die Parseval-Identität:

x2=iIei,x2\|x\|^2 = \sum_{i \in I} |\langle e_i, x \rangle|^2

(10)

Ist II überabzählbar, erstreckt sich die Summe nur über eine höchstens abzählbare, von xx abhängige Indexmenge.

Der Zusammenhang zwischen der Definition der Hilbertbasis und dem Entwicklungssatz ist nicht unmittelbar offensichtlich.

Beweis.
Der Beweis beruht auf zwei Ideen. Erstens erlaubt die Totalität der totalen orthonormalen Familie {ei}iI\{e_i\}_{i \in I}, eine Approximationsfolge zu jedem Punkt xx des Hilbertraums zu konstruieren. Dichtheit bedeutet nämlich: Für jedes ε>0\epsilon > 0 gibt es eine endliche Linearkombination yε=iJαieiy_\epsilon = \sum_{i \in J} \alpha_i e_i, wobei JIJ \subset I eine endliche Indexmenge ist, mit xyε<ε|x - y_\epsilon| < \epsilon.

Zweitens ist die Partialsumme SJ=iJei,xeiS_J = \sum_{i \in J} \langle e_i, x \rangle e_i die orthogonale Projektion von xx auf VJ=Vect(ei,iJ)V_J = \mathrm{Vect}(e_i, i \in J). Nach einer hier vorausgesetzten Eigenschaft orthogonaler Projektionen minimiert SJS_J den Abstand zu xx:

xSJ=infyVJxyxyε<ε|x - S_J| = \inf_{y \in V_J} |x - y| \leq |x - y_\epsilon| < \epsilon

Wählen wir daher eine Folge εn0\epsilon_n \to 0, erhalten wir endliche Teilmengen JnJ_n mit xSJnεn\|x - S_{J_n}\| \leq \epsilon_n. Das reicht noch nicht, weil die Folge der JnJ_n nicht unbedingt aufsteigend ist. Im abzählbaren Fall ersetzt man einfach JnJ_n durch Jn=J1JnJ_n' = J_1 \cup \cdots \cup J_n und erhält so eine aufsteigende Folge endlicher Teilmengen mit xSJn0\|x - S_{J_n'}\| \to 0. Dies liefert die gewünschte Konvergenz. Weitere Einzelheiten enthält [6].

In unendlicher Dimension ist die Mächtigkeit einer algebraischen Basis stets strikt größer als die einer Hilbertbasis. Anschaulich müssen endliche Linearkombinationen der algebraischen Basis jeden Punkt xx genau erreichen, während sie ihn bei einer Hilbertbasis nur annähern müssen. Letztere ist daher „weniger genau“ und benötigt weniger unabhängige Richtungen.8. Die endlichen Linearkombinationen einer Hilbertbasis bilden also nur einen winzigen Teil des Raums (Vect(ei)H\mathrm{Vect}(e_i) \subsetneq \mathcal{H}). Im Allgemeinen braucht man konvergente unendliche Reihen, um Vektoren aus H\mathcal{H} darzustellen.

Anmerkung 8: Genauer: Besitzt H\mathcal{H} eine abzählbare Hilbertbasis mit Mächtigkeit 0\aleph_0, so ist nach dem Satz von Baire eine algebraische Basis notwendigerweise überabzählbar, mit Mächtigkeit mindestens 202^{\aleph_0}.
Bemerkung 1 (Äquivalenz der Basen in endlicher Dimension)
Das Gesagte gilt in unendlicher Dimension. In endlicher Dimension nn stimmen beide Basisbegriffe dagegen überein. Jede Hilbertbasis ist eine algebraische Basis; „fast umgekehrt“ kann das Gram-Schmidt-Verfahren jede algebraische Basis in eine Hilbertbasis überführen. Die resultierende Familie mit Mächtigkeit nn ist automatisch total, weil sie den ganzen Raum bereits durch endliche Linearkombinationen erzeugt. Der Entwicklungssatz ist daher in endlicher Dimension trivial und nur in unendlicher Dimension interessant.

Abschließend sei eine weitere für die Mathematik der Quantenphysik sehr nützliche Formel genannt.

Proposition 2 (Besselsche Ungleichung)
Sei (ei)iI(e_i)_{i \in I} eine orthonormale Familie. Für jeden Vektor xHx \in \mathcal{H} gilt:

iIx,ei2x2\sum_{i \in I} |\langle x, e_i \rangle|^2 \leq \|x\|^2

(11)

Gleichheit, also die Parseval-Identität, gilt genau dann, wenn die Familie außerdem total ist.

2.4. Hilbertdimension und Klassifikation

Fast alle Bausteine für die vollständige Klassifikation der Hilberträume liegen vor. Es fehlt noch eine grundlegende Invariante: die Hilbertdimension.

Satz 5 (Hilbertdimension)
Sei H\mathcal{H} ein Hilbertraum. Es gilt:
  1. Jeder Hilbertraum besitzt mindestens eine Hilbertbasis.
  2. Alle Hilbertbasen von H\mathcal{H} besitzen dieselbe Mächtigkeit.

Man kann daher von der Hilbertdimension von H\mathcal{H} sprechen, geschrieben dim(H)\dim(\mathcal{H}). Sie ist endlich, abzählbar unendlich oder überabzählbar unendlich.

Für die Klassifikation benötigen wir schließlich eine geeignete Äquivalenzrelation. Dazu erweitern wir den Vektorraumisomorphismus aus Definition 4 zunächst auf normierte Räume und dann auf Hilberträume, wobei ein anschaulicher Stetigkeitsbegriff vorerst genügt:

Definition 13 (Isomorphismus normierter Räume und Hilberträume)
Seien EE und FF normierte Vektorräume und T:EFT : E \to F eine lineare Abbildung.
  • TT heißt Isomorphismus normierter Vektorräume oder topologischer Isomorphismus, wenn TT linear und bijektiv ist und sowohl TT als auch T1T^{-1} stetig sind.
  • Für Hilberträume H\H und G\mathcal{G} heißt TT Hilbertraumisomorphismus oder isometrischer Isomorphismus, wenn TT zusätzlich das Skalarprodukt erhält: T(x),T(y)G=x,yH,(x,y)H2.\langle T(x), T(y) \rangle_\mathcal{G} = \langle x, y \rangle_{\H}, \quad \forall (x,y) \in \H^2.

    Man nennt TT auch unitären Operator.

Erhält TT das Skalarprodukt, so erhält TT automatisch die Norm (T(x)G=xH\|T(x)\|_{\mathcal{G}} = \|x\|_{\H}). Daher spricht man von einer linearen bijektiven Isometrie. Der Eckpfeiler der Klassifikation ist folgender Satz:

Satz 6 (Charakterisierung durch die Dimension)
Zwei Hilberträume H1\mathcal{H}_1 und H2\mathcal{H}_2 sind genau dann isometrisch isomorph, wenn sie dieselbe Hilbertdimension besitzen: dim(H1)=dim(H2)\dim(\mathcal{H}_1) = \dim(\mathcal{H}_2).
Korollar 1 (Klassifikation der Hilberträume.)
Bis auf isometrische Isomorphie gibt es:
  1. Für jede ganze Zahl n1n \geq 1 genau einen endlichdimensionalen Hilbertraum der Dimension nn, mit kanonischem Repräsentanten Cn\mathbb{C}^n beziehungsweise Rn\mathbb{R}^n über R\mathbb{R}.
  2. Genau einen Hilbertraum abzählbar unendlicher Dimension, mit kanonischem Repräsentanten 2(N)\ell^2(\mathbb{N}), dem Raum quadratsummierbarer Folgen: 2(N)={(xn)nN:n=1xn2<}\ell^2(\mathbb{N}) = \left\{(x_n)_{n \in \mathbb{N}} : \sum_{n=1}^{\infty} |x_n|^2 < \infty\right\}
  3. Für jede überabzählbare unendliche Kardinalzahl κ1\kappa \geq \aleph_1 genau einen Hilbertraum der Dimension κ\kappa, repräsentiert durch 2(κ)\ell^2(\kappa)9.
    Anmerkung 9: Für eine Indexmenge II der Mächtigkeit κ\kappa definiert man 2(I)={(xi)iI:iIxi2<}\ell^2(I) = \{(x_i)_{i \in I} : \sum_{i \in I} |x_i|^2 < \infty\}; die Summe bedeutet, dass höchstens abzählbar viele Summanden von null verschieden sind.

Dimension meint nun selbstverständlich die Hilbertdimension. Jeder Hilbertraum ist zu einem dieser Modellräume isometrisch isomorph; die Klassifikation ist vollständig. Im nächsten Abschnitt beschreiben wir sie genauer, abgesehen vom überabzählbar unendlichdimensionalen Fall, auf den wir erst wesentlich später zurückkommen. Sie dienen als Referenzräume für Quantensysteme mit endlich vielen Freiheitsgraden, etwa Spin, abzählbar unendlich vielen, etwa der Quantenmechanik eines Punktteilchens, oder überabzählbar vielen, etwa der Quantenfeldtheorie.

Bemerkung 2 (Separabilität und Mächtigkeit)
Ein Hilbertraum H\mathcal{H} heißt separabel, wenn er eine abzählbare dichte Teilmenge besitzt. Man kann zeigen, dass er genau dann separabel ist, wenn seine Hilbertdimension höchstens abzählbar ist, also endlich oder abzählbar unendlich.

Die obige Klassifikation entspricht somit auch der Einteilung in endlichdimensionale Hilberträume, separable unendlichdimensionale Hilberträume und nichtseparable Hilberträume, wie in der Karte in Abbildung (1).

Für die Klassifikation ist dieser Begriff zwar nicht erforderlich, praktisch aber nützlich: Oft lässt sich leichter zeigen, ob ein Raum separabel ist, als eine Hilbertbasis explizit zu konstruieren.

3. Modellräume

3.1. Der Hilbertraum Cn\C^n

Explizit handelt es sich um die Menge der nn-Tupel komplexer Zahlen:

Cn={x=(x1,x2,...,xn):xiC,i=1,...,n}\mathbb{C}^n = \{x = (x_1, x_2, ..., x_n) : x_i \in \mathbb{C}, i = 1, ..., n\}

ausgestattet mit:

  • dem hermiteschen Skalarprodukt: x,y=i=1nxiyi\langle x, y \rangle = \sum_{i=1}^{n} x_i^* y_i; beachten Sie die komplexe Konjugation,
  • der zugehörigen euklidischen Norm: x=i=1nxi2\|x\| = \sqrt{\sum_{i=1}^{n} |x_i|^2}.

Dies ist ein normierter Vektorraum der Dimension nn, dessen Vollständigkeit aus der endlichen Dimension über einem vollständigen Körper folgt. Er ist daher ein Hilbertraum. Seine kanonische Basis lautet in Spaltenvektoren:

ei=(00100)(die 1 steht an der i-ten Stelle).e_i = \begin{pmatrix} 0 \\ \vdots \\ 0 \\ 1 \\ 0 \\ \vdots \\ 0 \end{pmatrix} \quad \text{(die 1 steht an der i-ten Stelle).}

Dies ist eine Hilbertbasis der Mächtigkeit nn und zugleich eine algebraische Basis: Jeder Vektor xCnx \in \mathbb{C}^n ist exakt die endliche Summe

x=i=1nxiei=i=1nei,xeix = \sum_{i=1}^{n} x_i e_i = \sum_{i=1}^{n} \langle e_i , x \rangle e_i

Dieser Hilbertraum beschreibt jedes Quantensystem mit endlich vielen voneinander unterscheidbaren Zuständen, insbesondere Zweiniveausysteme oder Qubits.

3.2. Der Hilbertraum 2(N)\ell^2(\mathbb{N})

Er ist als Menge der quadratsummierbaren Folgen definiert:

2(N)={x=(xn)n1:xnC,n=1xn2<}\ell^2(\mathbb{N}) = \left\{x = (x_n)_{n \geq 1} : x_n \in \mathbb{C}, \sum_{n=1}^{\infty} |x_n|^2 < \infty\right\}

Man kann zeigen, dass dies ein Hilbertraum ist, wenn man ihn ausstattet mit:

  • dem Skalarprodukt: x,y=i=1xiyi\langle x, y \rangle = \sum_{i=1}^{\infty} x_i^* y_i; beachten Sie diesmal die unendliche Summe,
  • der zugehörigen Norm: x=i=1xi2\|x\| = \sqrt{\sum_{i=1}^{\infty} |x_i|^2}; dieselbe Bemerkung gilt.

Die Abzählbarkeit zeigen wir durch die explizite Konstruktion seiner kanonischen Basis. Sie ähnelt der von Cn\C^n. Für jedes iNi \in \mathbb{N} definieren wir, wiederum als Spaltenvektor:

ei=(0,0,,0,1,0,),e_i = (0,0,\dots,0,1,0,\dots),

also den Vektor mit 11 an der ii-ten Stelle und sonst 00. Der einzige Unterschied zum endlichdimensionalen Fall ist die unendliche Zahl seiner Komponenten.

Beweis.
Die Familie {ei}iN\{e_i\}_{i \in \mathbb{N}} ist offensichtlich orthonormal und auch total: Jedes durch die Folge (x1,x2,...)(x_1, x_2, ...) gegebene x2(N)x \in \ell^2(\mathbb{N}) lässt sich xx durch endliche Partialsummen annähern: x(N)=i=1Nxiei=(x1,x2,,xN,0,0,).x^{(N)} = \sum_{i=1}^N x_i e_i = (x_1, x_2, \dots, x_N, 0,0,\dots).

Die Differenz erfüllt nämlich 10 :

Anmerkung 10: Hier verwenden wir: Aus n=1xn2<\sum_{n=1}^\infty |x_n|^2 < \infty folgt, dass der Reihenrest gegen null geht: limNn=N+1xn2=0.\lim_{N \to \infty} \sum_{n=N+1}^\infty |x_n|^2 = 0. Dies hängt damit zusammen, dass unendlich viele notwendigerweise positive Summanden übrig bleiben.
xx(N)2=i=N+1xi2N0,\|x - x^{(N)}\|^2 = \sum_{i=N+1}^\infty |x_i|^2 \xrightarrow[N\to\infty]{} 0,

Damit liegen die endlichen Linearkombinationen der eke_k dicht, siehe Definition 11. Die {ei}iN\{e_i\}_{i \in \mathbb{N}} bilden somit eine Hilbertbasis, deren Mächtigkeit konstruktionsgemäß die von N\N ist. Der Entwicklungssatz besagt dann, dass jeder Vektor x2(N)x \in \ell^2(\mathbb{N}) geschrieben werden kann als

x=i=1xiei=i=1ei,xeix = \sum_{i=1}^\infty x_i e_i = \sum_{i=1}^\infty \langle e_i, x \rangle e_i

wobei die Reihe bezüglich der Norm von 2\ell^2 konvergiert.

Dieser Hilbertraum wird beispielsweise für den quantenmechanischen harmonischen Oszillator verwendet. Dessen Energieeigenzustände werden, wie wir sehen werden, durch eine unbeschränkte ganze Zahl nn indiziert, sodass jeder Zustand des Oszillators als solche Reihe geschrieben wird.

3.3. Der Hilbertraum L2(R)L^2(\R)

In der eindimensionalen Quantenmechanik eines Punktteilchens ist die Wellenfunktion ψ(x)\psi(x) eine komplexwertige Funktion einer reellen Variablen. Die Wahrscheinlichkeitsinterpretation verlangt:

Rψ(x)ψ(x)dx=1.\int_\R \psi^*(x)\, \psi(x)\, dx = 1.

Daher definiert man den zugehörigen Raum dieser Quantenmechanik natürlicherweise als Menge quadratintegrierbarer Funktionen:

H=L2(R)={ψ:RC  Rψ(x)2dx<}.\mathcal{H} = L^2(\R) = \big\{\psi : \R \to \mathbb{C} \ \big|\ \int_\R |\psi(x)|^2\, dx < \infty \big\}.

Die Bedingung „<< \infty“ zeigt, dass ein Zustand stets normiert werden kann. Das Skalarprodukt lautet:

ψ,φ=Rψ(x)φ(x)dx,\langle \psi, \phi \rangle = \int_\R \psi^*(x)\, \phi(x)\, dx,

Es induziert die Norm:

ψ=ψ,ψ=Rψ(x)2dx.\|\psi\| = \sqrt{\langle \psi, \psi \rangle} = \sqrt{\int_\R |\psi(x)|^2 \, dx}.

Man kann zeigen, dass dadurch ein Hilbertraum entsteht, doch das ist nicht völlig trivial. Eine Hilbertbasis lässt sich explizit angeben; mehrere sind bekannt, etwa Hermite-, Wavelet-, Laguerre- und Walsh-Basen .... Beispielsweise definiert man zunächst die Hermite-Polynome rekursiv:

Hn+1(x)=2xHn(x)2nHn1(x),H0(x)=1,  H1(x)=2x,H_{n+1}(x) = 2\, x\, H_n(x) - 2\, n\, H_{n-1}(x), \quad H_0(x) = 1, \; H_1(x) = 2x,

Anschließend definiert man die Hermite-Funktionen:

ψn(x)=12nn!πex2/2Hn(x);\psi_n(x) = \frac{1}{\sqrt{2^n n! \sqrt{\pi}}}\, e^{-x^2/2} H_n(x) ;

Wir nehmen hier ohne Beweis an, dass diese Funktionen eine orthonormale Familie bilden:

Rψn(x)ψm(x)dx=δnmwobei hier ψn=ψn\int_\R \psi_n(x) \, \psi_m(x) dx = \delta_{nm} \quad \textrm{wobei hier ψn=ψn\psi_n^* = \psi_n}

Sie ist außerdem total, also eine Hilbertbasis. Bemerkung: Dies ist zugleich die Eigenbasis des Hamiltonoperators des eindimensionalen harmonischen Oszillators. Weitere Einzelheiten stehen in Wikipedia [7]. Praktisch wird diese Basis selten verwendet, weil ihre expliziten Ausdrücke ausgesprochen unhandlich sind. Man hat eine „andere Basis“ eingeführt, die eigentlich keine ist, sondern eine kontinuierliche verallgemeinerte Basis: die bekannten Kets x\ket{x}, auf die wir zurückkommen.

3.4. Die Hilberträume L2(R3)L^2(\mathbb{R}^3) und L2(R3n)L^2(\mathbb{R}^{3n})

In drei Dimensionen betrachtet man entsprechend L2(R3)L^2(\R^3) mit dem Skalarprodukt

ψ,φ=R3ψ(x)φ(x)d3x.\langle \psi, \phi \rangle = \int_{\R^3} \psi^*(\mathbf{x})\, \phi(\mathbf{x})\, d^3x.

Für ein System aus nn Teilchen in drei Dimensionen lautet der Zustandsraum

L2(R3n)={ψ:R3nC    R3nψ(x1,,xn)2d3x1d3xn<}.L^2(\mathbb{R}^{3n}) = \Bigl\{ \psi : \mathbb{R}^{3n} \to \mathbb{C} \;\Bigm|\; \int_{\mathbb{R}^{3n}} |\psi(\mathbf{x}_1, \dots, \mathbf{x}_n)|^2 \, d^3x_1 \dots d^3x_n < \infty \Bigr\}.

Das Skalarprodukt ist gegeben durch

ψ,φ=R3nψ(x1,,xn)φ(x1,,xn)d3x1d3xn,\langle \psi, \phi \rangle = \int_{\mathbb{R}^{3n}} \psi^*(\mathbf{x}_1, \dots, \mathbf{x}_n)\, \phi(\mathbf{x}_1, \dots, \mathbf{x}_n)\, d^3x_1 \dots d^3x_n,

und die zugehörige Norm durch

ψ=ψ,ψ=R3nψ(x1,,xn)2d3x1d3xn.\|\psi\| = \sqrt{\langle \psi, \psi \rangle} = \sqrt{\int_{\mathbb{R}^{3n}} |\psi(\mathbf{x}_1, \dots, \mathbf{x}_n)|^2 \, d^3x_1 \dots d^3x_n}.

All dies sind Hilberträume; wir setzen dies ohne Beweis voraus.

4. Schlussbemerkung

Überraschend mag sein, dass L2(R)L^2(\R), der Raum für die eindimensionale Quantenmechanik eines Punktteilchens, isomorph zu L2(R3)L^2(\R^3) ist, das dreidimensionale Physik beschreibt. In einer anderen Lektion werden wir ausführlich erklären, warum dies kein Widerspruch ist. Entscheidend ist, dass die Physik nicht allein durch den Hilbertraum bestimmt wird, sondern auch durch eine Menge von Observablen. Kein Isomorphismus von L2(R)L^2(\R) nach L2(R3)L^2(\R^3) kann jedoch die gesamte eindimensionale Observablenalgebra zugleich in die dreidimensionale überführen, also ein einziges Paar [X^,P^][\hat{X}, \hat{P}] in drei unabhängige Paare [X^i,P^j]=iδij[\hat{X}_i, \hat{P}_j] = i\hbar \delta_{ij}.

Der Isomorphismus bedeutet auch keine mathematische Gleichheit: Die beiden Hilberträume sind als Funktionenräume verschieden, aber dennoch bezüglich ihrer Hilbertraumstruktur isomorph. Er besagt lediglich, dass sie strukturell ähnlich sind: gleich groß bezüglich der Mächtigkeit ihrer Hilbertbasen und mit denselben Hilbertraumeigenschaften. Unter diesem Isomorphismus bleiben Normen, Abstände, Orthogonalität und topologische Eigenschaften wie Konvergenz und Stetigkeit erhalten.

Obwohl es bis auf Isometrie zu jeder Kardinalzahl nur einen abstrakten Hilbertraum gibt, existieren somit unendlich viele konkrete Realisierungen.

Die ausführliche Beschäftigung mit der Klassifikation war dennoch sinnvoll. Wie gesehen entspricht sie in der Physik unterschiedlichen Situationen je nach „Dimensionalität“ des Quantensystems. Insbesondere gehen damit unterschiedliche Rechenregeln einher: endliche Summen, unendliche Reihen oder kontinuierliche Integrale, abhängig von der Art der Basis. Auch die zugehörige Theorie linearer Operatoren verändert sich grundlegend zwischen endlicher und unendlicher Dimension.

5. Literatur