Dualität ist der Leitgedanke dieser ganzen Lektion. Versuchen wir, sie anschaulich zu deuten. In der Mathematik umfasst der Begriff viele Situationen; bei Hilberträumen drückt er jedoch eine einfache und tiefgehende Idee aus: Ein Vektor kann nicht nur als eigenständiges Objekt betrachtet werden, sondern auch als Operator, der auf andere Vektoren wirkt und Zahlen erzeugt, also als Linearform. In der Quantenmechanik ist diese Zahl eine Wahrscheinlichkeitsamplitude.
Der Quantenformalismus nutzt beide Seiten vollständig. Die Dirac-Notation bietet eine geschickte Schreibweise, um leicht damit zu rechnen. Kets, geschrieben ∣u⟩, stellen Vektoren dar; Bras, geschrieben ⟨u∣, stellen auf diese Vektoren wirkende Linearformen dar. Ihre Kombination ⟨u∣v⟩ ergibt einen Skalar, einen Bracket, während Ausdrücke wie ∑aij∣ui⟩⟨vj∣ Operatoren beschreiben.
Diese Notation hat sich als Standardsprache der Quantenphysik durchgesetzt; ihre vollständige Beherrschung ist unerlässlich. Eine Zusammenstellung der Rechenregeln folgt auf diese Lektion. Man kann durchaus lernen, mit den Symbolen zu rechnen, ohne die dahinterliegende Mathematik wirklich zu verstehen. Ihren tieferen Sinn erschließt jedoch erst unser Programm: zu verstehen, wie die vollständige Identifikation zwischen Vektoren und Linearformen entsteht und warum dabei natürlicherweise ein weiteres wesentliches Objekt erscheint, der adjungierte Operator.
Im nächsten Abschnitt versuchen wir einen solchen Isomorphismus zwischen einem Vektorraum und seinem algebraischen Dualraum, der Menge aller Linearformen, herzustellen. Dies wird sich als unmöglich erweisen. Ein endlichdimensionaler Vektorraum ist zwar zu seinem Dualraum isomorph, doch dieser Isomorphismus ist nicht kanonisch: Er hängt von einer willkürlichen Basiswahl ab. In unendlicher Dimension ist die Lage noch schwieriger: Ein solcher Isomorphismus existiert überhaupt nicht. Diese Hindernisse verhindern eine automatische Identifikation von Vektoren und Linearformen und begründen den Rückgriff auf die reichere Hilbertraumstruktur.
Abschnitt 3 zeigt, wie diese zusätzliche Struktur die Schwierigkeiten überwindet. Mithilfe des Skalarprodukts und durch Beschränkung auf stetige Linearformen, die den topologischen Dualraum bilden, erhalten wir ein bemerkenswertes Ergebnis. Der Satz von Riesz besagt, dass für jeden Hilbertraum beliebiger Dimension ein kanonischer antilinearer isometrischer Isomorphismus zwischen dem Raum und seinem topologischen Dualraum existiert.
Dieses Ergebnis begründet die Dirac-Notation streng. Wir erläutern sie in den Abschnitten 4 und 5 für Kets, Bras und lineare Operatoren. Anschließend zeigen wir, wie der Riesz-Isomorphismus den adjungierten Operator hervorbringt, Abschnitt 6. Abschnitt 7 fasst die Konstruktion in einem vollständigen Diagramm zusammen. Als konkretes Beispiel verwenden wir durchgehend den endlichdimensionalen Fall und arbeiten stets über dem Körper C.
2. Linearformen und algebraischer Dualraum
Sei E ein Vektorraum über C. Sein algebraischer DualraumE∗ ist die Menge der Linearformen auf E, also der linearen Abbildungen φ:E→C.
In endlicher Dimension n kann man nach Wahl einer Basis (e1,…,en) von E eine entsprechende Familie von Linearformen (θ1,…,θn) in E∗ konstruieren, definiert durch:
θj(ei)=δij
Diese Familie ist linear unabhängig und erzeugend, also eine Basis von E∗, die duale Basis. Daraus folgt dim(E∗)=dim(E), also sind E und E∗ isomorph. Ein möglicher Isomorphismus ist die Abbildung T, die jedem Vektor x=∑xiei die Linearform wx=∑xiθi zuordnet.
Dieser Isomorphismus T ist allerdings insofern künstlich, als er von der anfänglichen Basiswahl in E abhängt. Ändert man die Basis, ändert sich auch T. Es gibt daher keine kanonische, also natürliche Identifikation eines Vektorraums mit seinem algebraischen Dualraum.
In unendlicher Dimension besagt ein klassisches Ergebnis, dass E niemals zu seinem algebraischen Dualraum isomorph ist, weil dieser eine strikt größere Dimension besitzt; siehe den Satz von Erdös–Kaplansky. Hat E beispielsweise abzählbare algebraische Dimension, ist die algebraische Dimension seines Dualraums überabzählbar.
In beiden Fällen fehlt somit eine kanonische Identifikation zwischen Vektoren und Linearformen.
3. Topologischer Dualraum und Satz von Riesz
In einem Hilbertraum H zeichnet die zum Skalarprodukt gehörende Norm eine besondere Klasse von Linearformen aus: die stetigen. Die Abbildung φ:H→C heißt stetig in x0, wenn
∀ε>0,∃δ>0:∥x−x0∥H<δ⟹∣φ(x)−φ(x0)∣<ε,
Ist sie in einem Punkt stetig, so aufgrund der Linearität überall1. Die stetigen Linearformen bilden einen Vektorunterraum des algebraischen Dualraums. Er heißt topologischer Dualraum und wird, etwas missbräuchlich, ebenfalls mit H∗ bezeichnet.
Anmerkung 1: Darauf kommen wir in den folgenden Lektionen über Topologie und lineare Operatoren zurück.
Definition 1 (Topologischer Dualraum)
Sei H ein Hilbertraum über C. Die Menge der stetigen Linearformen auf H ist ein Vektorraum, der topologische Dualraum von H, geschrieben H∗. Er besitzt die natürliche Dualnorm
∥φ∥H∗=def∥x∥H=1sup∣φ(x)∣,
bezüglich derer H∗ ein vollständiger normierter Vektorraum, also ein Banachraum ist.
Bemerkung: Diese Norm ist ein Spezialfall der später behandelten Operatornorm; siehe Abschnitt 1.5 (Thema 4, Lektion 3, in dieser Sprache nicht verfügbar). Die Konstruktion gilt für jeden normierten Raum. Das Besondere an Hilberträumen ist folgender Satz: Mit dem Skalarprodukt lässt sich jede stetige Linearform bijektiv mit einem Vektor identifizieren.
Satz 1 (Rieszscher Darstellungssatz)
Sei H ein separabler oder nichtseparabler Hilbertraum. Jede stetige Linearform φ∈H∗ lässt sich eindeutig schreiben als
φ(x)=⟨u,x⟩
für einen bestimmten Vektor u∈H.
Die Abbildung Φ:u↦φu=⟨u,⋅⟩ von H nach H∗ ist bereits in einem Prähilbertraum injektiv. Aus φu=φv folgt nämlich für jedes x aus H die Gleichung 0=φu(x)−φv(x)=⟨u−v,x⟩. Mit x=u−v und der positiven Definitheit folgt u=v.
Der Satz von Riesz besagt, dass diese Abbildung auch surjektiv ist. Das ist nicht trivial und gilt nur in Hilberträumen. In einem unvollständigen Prähilbertraum etwa existieren stetige Linearformen, die sich nicht als Skalarprodukt mit einem Vektor dieses Raums darstellen lassen; die Abbildung ist dann nicht surjektiv.
Der Satz liefert also die gesuchte Bijektion Φ zwischen H und H∗. Daraus folgt:
Korollar 1
Die Abbildung Φ:u↦φu ist ein antilinearer isometrischer Isomorphismus, der kanonische Riesz-Isomorphismus zwischen H und seinem mit der Dualnorm versehenen topologischen Dualraum: H∗≃H.
Beweis.
Die Antilinearität folgt aus der des Skalarprodukts auf H:Φ(λu)=φλu=⟨λu,.⟩=λ∗⟨u,.⟩=λ∗φu=λ∗Φ(u).
Zeigen wir die Isometrie, also ∥Φ(u)∥H∗=∥u∥H. Zunächst gilt:
∥φu∥H∗=∥x∥=1sup∣⟨u,x⟩∣≤∥u∥H
nach Cauchy-Schwarz. Gleichheit wird für x=u/∥u∥ erreicht, sofern u=0. Für u=0 ist sie trivial.
Mit der isometrischen Bijektion Φ übertragen wir das Skalarprodukt von H auf H∗ durch die Definition:
⟨φu,φv⟩H∗=def⟨Φ−1(φv),Φ−1(φu)⟩H=⟨v,u⟩H.
Beachten Sie die umgekehrte Reihenfolge v, u statt u, v, die die Antilinearität von Φ ausgleicht. Prüfen wir die Sesquilinearität auf H∗:⟨λφu,φv⟩H∗=⟨φλ∗u,φv⟩H∗=⟨v,λ∗u⟩H=λ∗⟨v,u⟩H=λ∗⟨φu,φv⟩H∗. Die übrigen Skalarproduktaxiome sind leicht nachzuweisen.
Die induzierte Norm erfüllt:
⟨φu,φu⟩H∗=⟨u,u⟩H=∥u∥H=∥φu∥H∗,
und stimmt somit mit der Dualnorm überein.
Schließlich folgt die Vollständigkeit von H∗ und damit seine Hilbertraumstruktur daraus, dass eine bijektive Isometrie von einem vollständigen Raum Vollständigkeit erhält; dies setzen wir hier voraus.
Somit erbt H∗ eine Hilbertraumstruktur, bezüglich derer Φ ein antilinearer Hilbertraumisomorphismus ist. □
4. Dirac-Notation: Bras, Kets und Brackets
Die Dirac-Notation ist nun lediglich eine Umschreibung des Riesz-Isomorphismus. Zuerst definieren wir Kets, Bras und Brackets und schreiben damit die Entwicklung in einer Hilbertbasis aus der vorherigen Lektion neu.
Kets. Ein Vektor u∈H wird als Ket geschrieben:
u∈H⟷∣u⟩
Die lineare Struktur liefert folgende Rechenregeln:
∣u+v⟩∣λu⟩=∣u⟩+∣v⟩=λ∣u⟩
Bras. Jedem Vektor u∈H ordnet Φ eine Form φu zu. Diese Linearform schreiben wir als Bra, mit dem zugehörigen Vektor im Inneren:
φu=Φ(u)∈H∗⟷⟨u∣
Damit stellt ⟨u∣ den Vektor u als Linearform dar: die Operation „Skalarprodukt mit u bilden und eine Zahl ausgeben“. Es gelten die Rechenregeln:
⟨u+v∣⟨λu∣=⟨u∣+⟨v∣=λ∗⟨u∣,
als Folge der Antilinearität von Φ.
Der Bracket. Die beiden Schreibweisen erlauben es, ein Skalarprodukt, englisch Bracket oder inner product, als Produkt eines Bras mit einem Ket zu bilden:
⟨u,x⟩=def⟨u∣x⟩
Dies beschreibt die Wirkung der Linearform ⟨u∣ auf den Vektor ∣x⟩:
⟨u∣(∣x⟩)=φu(x)=⟨u,x⟩=⟨u∣x⟩.
Hilbertentwicklung. Unabhängig von der Hilbertraumdimension gilt die bekannte Entwicklung u=∑i∈I⟨ei,u⟩ei, deren Summe endlich ist oder für unendliches I in H konvergiert. In Dirac-Notation lautet sie:
∣u⟩=i∈I∑⟨ei∣u⟩∣ei⟩=i∈I∑ui∣ei⟩
(1)
Dabei sind ui die Komponenten des Kets u in der Basis. Man erhält sie durch orthogonale Projektion auf ei als ui=⟨ei∣u⟩ und nicht als ⟨u∣ei⟩, das gleich ui∗ ist. Dieser häufige Fehler hängt wohl damit zusammen, dass man im gewöhnlichen Vektorkalkül auf Rn die Komponente vi eines Vektors v durch vi=v⋅ei erhält. Das könnte im Quantenfall ui=⟨u∣ei⟩ nahelegen, würde aber die Sesquilinearität über C ignorieren und unmittelbar einen Rechenfehler erzeugen.
Für Bras gilt:
⟨u∣=i∈I∑⟨u∣ei⟩⟨ei∣=i∈I∑ui∗⟨ei∣
(2)
Das Normquadrat lautet
∥u∥2=⟨u∣u⟩=i∈I∑∣ui∣2=i∈I∑ui∗ui
(3)
wobei die zweite Gleichheit die Parseval-Identität ist.
Die Dagger-Operation. Die Anwendung des Isomorphismus Φ von Kets auf Bras wird gewöhnlich durch das hochgestellte Zeichen † bezeichnet. Für den inversen Isomorphismus Φ−1 von Bras auf Kets verwenden wir dasselbe Zeichen. Dadurch ist die Dagger-Operation involutiv. Nach dieser Schreibkonvention gilt:
⟨u∣∣u⟩(∣u⟩†)†=∣u⟩†(Abbildung Φ)=⟨u∣†(Abbildung Φ−1)=∣u⟩(Involution)
Veranschaulichen wir dies in endlicher Dimension. Wir wählen H der Dimension n mit einer Hilbertbasis B=(∣ei⟩)i=1n und dem kanonischen Skalarprodukt; siehe Abschnitt 3.1 (Thema 2, Lektion 1). Die Basiskets stellen wir kanonisch als Spaltenvektoren dar, also als (n,1)-Matrizen:
∣ei⟩=0⋮010⋮0B
Die 1 steht an der i-ten Stelle. Damit werden alle Kets ∣u⟩ zu Spaltenvektoren
∣u⟩=i=1∑nui∣ei⟩=u1u2⋮unB∈Cn,
mit ui=⟨ei∣u⟩. Die dem Vektor u zugehörige Linearform φu muss für jeden Vektor v erfüllen:
φu(v)=⟨u,v⟩=i=1∑nui∗vi,(kanonisches Skalarprodukt auf Cn)
Um diese Summe zu erhalten, muss ⟨u∣ durch den (1,n)-Zeilenvektor der konjugierten Koordinaten von u dargestellt werden:
⟨u∣=(u1∗,u2∗,⋯,un∗),
Dann ergibt sich das Skalarprodukt ⟨u∣v⟩ als gewöhnliches Matrixprodukt:
In endlicher Dimension ist das Bra ⟨u∣ das konjugiert Transponierte des Kets ∣u⟩. Es gilt:
⟨u∣∣u⟩=∣u⟩†=∣u∗⟩⊤=⟨u∣†=⟨u∗∣⊤
In unendlicher Dimension ist dies nicht sinnvoll, weil die Transposition nicht definiert ist. Allerdings funktioniert im Raum ℓ2(N) bezüglich seiner kanonischen Basis vieles ähnlich, wenn man unendliche Spalten- oder Zeilenvektoren betrachtet und endliche Summen durch konvergente Reihen ersetzt. Das kann der Anschauung helfen; streng genommen handelt es sich jedoch weder um Matrizen noch um Transpositionen.
5. Operatoren, Matrixelemente und Zerlegung der Identität
Wir setzen die Dirac-Notation fort und führen lineare Abbildungen, auch lineare Operatoren genannt, A^ von H nach G ein, wobei G ein weiterer Hilbertraum ist.
Schreibweise der Operatoren. In der Physik kennzeichnet man sie üblicherweise mit einem Dach. Ein Operator A^ bildet einen Vektor v auf A^v ab. In Dirac-Notation gibt es zwei gleichwertige Schreibweisen; die zweite ist gebräuchlicher:
v=A^u⟷∣v⟩=∣A^u⟩=defA^∣u⟩.
Ebenso lässt sich ein Skalarprodukt mit einem Operator schreiben als:
⟨w,A^u⟩⟷⟨w∣A^u⟩=def⟨w∣A^∣u⟩
Die zweite Schreibweise ist aus ästhetischen Gründen häufiger.
Matrixelemente. Besonders wichtig ist oben der Fall ⟨w∣=⟨ei∣ und ∣u⟩=∣ej⟩: Er definiert die Matrixelemente des Operators A^:
Aij=⟨ei∣A^∣ej⟩.
(4)
In unendlicher Dimension ist dies nicht immer sinnvoll, denn ∣ei⟩ muss im Definitionsbereich von A^ liegen. Darauf kommen wir zurück. In endlicher Dimension ist die Definition klar: Die Darstellung der Basisvektoren als Spaltenvektoren ordnet einem linearen Operator eindeutig seine Matrix zu. Man schreibt A^⟷A=(Aij)1≤i,j≤n mit Aij=⟨ei∣A^∣ej⟩. Die Gleichung ∣v⟩=A^∣u⟩ wird dann zum gewöhnlichen Matrixprodukt A^∣u⟩=∑i∑j(Aijuj)∣ei⟩. Ein Skalarprodukt lautet ⟨w∣A^∣u⟩=(w∗)⊤Au=∑ijwi∗Aijuj∈C.
Beispiel 1 (Matrizenrechnungen)
Betrachten wir ausdrücklich das Beispiel:
A^=(i10−1),∣u⟩=(13),∣w⟩=(i1),
Ket-Bra-Operatoren. Ein Bracket ist eine Zahl, ein Ket-Bra dagegen ein Operator, das sogenannte äußere Produkt, ohne Zusammenhang mit dem äußeren Produkt von Differentialformen. Zwei Vektoren ∣u⟩ und ∣v⟩desselben Hilbertraums H ordnen wir den Operator ∣u⟩⟨v∣ von H nach H zu, definiert durch:
∣u⟩⟨v∣:H→H,∣x⟩↦∣u⟩∈C⟨v∣x⟩=⟨v∣x⟩∣u⟩.
Auch hier ist in endlicher Dimension der Fall E^ij=def∣ei⟩⟨ej∣ besonders wichtig. Alle Matrixelemente dieses Operators sind null, außer einer „1“ in Zeile i und Spalte j. Die zugehörige Matrix lautet:
Eij=0⋮0⋮0⋯⋯⋯0⋮1⋮0⋯⋯⋯0⋮0⋮0,
Jeder lineare Operator A^ lässt sich in endlicher Dimension nach seinen Matrixelementen zerlegen:
A^=i,j=1∑nAijE^ij=i,j=1∑nAij∣ei⟩⟨ej∣,
mit Aij=⟨ei∣A^∣ej⟩. In unendlicher Dimension ist diese Zerlegung nicht immer möglich; wenn sie existiert, ist sie im Sinn starker Konvergenz zu verstehen. Darauf kommen wir in den nächsten Lektionen zurück.
Zerlegung des Identitätsoperators. Der Identitätsoperator auf H, geschrieben 1, ist durch 1∣x⟩=∣x⟩ für jedes ∣x⟩∈H definiert. In endlicher Dimension stellt ihn offensichtlich die Einheitsmatrix dar. Allgemeiner gilt
1=i∈I∑∣ei⟩⟨ei∣
(5)
auch in abzählbar unendlicher Dimension, wobei die Reihe stark konvergiert. Man nennt dies Auflösung der Identität oder Vollständigkeitsrelation. Die Formel ist für quantenmechanische Rechnungen äußerst nützlich. Achtung: In nichtseparablen Räumen ist sie falsch2
Anmerkung 2: Die Entwicklung x=∑i∈I⟨ei,x⟩ei bleibt in jedem Hilbertraum gültig. Im nichtseparablen Fall läuft die Summe aber nur über eine abzählbare Teilmenge I(x)⊂I, die von x abhängt. Daraus lässt sich daher keine vom betrachteten Vektor unabhängige Darstellung der Identität ableiten; dies macht Formel (5) in diesem Rahmen ungültig.
6. Der adjungierte Operator
Kehren wir zum Riesz-Isomorphismus zurück und betrachten einen stetigen linearen Operator3A^ von H nach G, wobei H und G Hilberträume sind, gegebenenfalls mit H=G.
Anmerkung 3: Zur Vereinfachung beschränken wir uns hier auf stetige Operatoren. Die Konstruktion im unstetigen Fall behandeln wir später; siehe Abschnitt 1.6 (Thema 4, Lektion 3, in dieser Sprache nicht verfügbar).
Wirkt A^ auf ein Ket ∣u⟩∈H, entsteht das neue Ket ∣v⟩=∣A^u⟩=A^∣u⟩∈G. Natürlich fragt man nach dem Bra, das der Riesz-Isomorphismus dem Vektor ∣v⟩ zuordnet, also nach der Linearform auf G:⟨v∣=⟨A^u∣. So gelangen wir zu einem neuen Operator, dem Adjungierten von A^, ebenfalls geschrieben A^†. Er ist für die Quantenmechanik wesentlich.
Um ⟨v∣=⟨A^u∣ zu bestimmen, wählen wir ein beliebiges festes Ket ∣w⟩∈G und betrachten die Linearform auf H:
φ:H∣u⟩⟶⟼C⟨A^u,w⟩G
Der Index G bezeichnet den Raum, in dem das Skalarprodukt zu bilden ist. Wir setzen hier voraus, dass φ für einen stetigen Operator A^ eine stetige Linearform auf H ist. Nach Riesz, angewandt auf H, gibt es genau einen Vektor ∣z⟩∈H mit φ=φz, also:
∀∣u⟩∈H,φ(u)=⟨A^u,w⟩G=φz(u)=⟨u,z⟩H.
Die Konstruktion ordnet somit einem Vektor ∣w⟩ aus G genau einen Vektor ∣z⟩ aus H zu. Formal lässt sich dies als Wirkung eines adjungierten Operators A^† schreiben: ∣z⟩=A^†∣w⟩. Der Operator A^ wirkt also von H nach G, sein Adjungierter von G nach H.
Führt man die Konstruktion für jedes ∣w⟩ aus, prüft man leicht, dass der so definierte Operator selbst linear und stetig ist. Wir erhalten das grundlegende Ergebnis:
Definition 2 (Adjungierter eines stetigen Operators)
Der Adjungierte eines stetigen linearen Operators A^:H→G ist der eindeutig bestimmte stetige lineare Operator A^†:G→H mit:
∀∣u⟩∈H,∀∣w⟩∈G,⟨A^u∣w⟩G=⟨uA^†w⟩H
(6)
Der Adjungierte hat zwei praktische Anwendungen im formalen Quantenkalkül.
Die Formel zeigt gewissermaßen: „Bei festen Positionen von u und w lässt sich der Operator mithilfe des Adjungierten von links nach rechts verschieben.“
Mit der hermiteschen Symmetrie ⟨A^u∣w⟩G=⟨w∣A^u⟩G∗ folgt außerdem:
∀∣u⟩∈H,∀∣w⟩∈G,⟨w∣A^∣u⟩G∗=⟨u∣A^†∣w⟩H
(7)
Dies zeigt nun: „Mit dem Adjungierten lassen sich Bra und Ket bis auf komplexe Konjugation vertauschen.“
Beide Identitäten sind gleichwertig. Man muss auf Ausgangs- und Zielraum H und G sowie darauf achten, ob das Skalarprodukt von H oder von G verwendet wird. Praktisch gilt fast immer H=G, was die Notation entsprechend vereinfacht.
Veranschaulichen wir die Konstruktion in endlicher Dimension. Das Hauptergebnis lautet:
Proposition 2 (Konjugierte Transposition)
In endlicher Dimension ist die Matrix des Adjungierten A^† die konjugiert transponierte Matrix des Operators A^.
A†=(A∗)⊤
(8)
Beweis.
Die Matrixelemente von A^† sind definitionsgemäß:
(A^†)ij=⟨ei∣A^†∣ej⟩=⟨eiA^†ej⟩.
Nach Definition des Adjungierten gilt:
⟨eiA^†ej⟩=⟨A^ei∣ej⟩
Nach hermitescher Symmetrie gilt
⟨A^ei∣ej⟩=⟨ej∣A^ei⟩∗=⟨ej∣A^∣ei⟩∗=Aji∗
Damit ist gezeigt:
(A†)ij=Aji∗=(A∗⊤)ij
□
Die ursprüngliche Frage ist noch nicht ausdrücklich beantwortet: Wie lautet das Bra ⟨v∣=⟨A^u∣, das kanonisch zum Ket ∣v⟩=∣A^u⟩ gehört? Formel (6) beantwortet sie durch ein für jeden Vektor w gültiges Skalarprodukt und erlaubt den Schluss:
∀w∈G,⟨A^uw⟩G=⟨u∣A^†∣w⟩H⇒⟨A^u=⟨u∣A^†
Zwei Linearformen, die auf jedem Vektor w übereinstimmen, sind gleich. Entscheidend ist jedoch, dieses Objekt richtig zu verstehen. Eine häufige Fehlinterpretation lautet: „Der Adjungierte wirkt von links auf Bras.“ Das ist falsch! ⟨u∣A^† ist eine Komposition von Operatoren, keine Linkswirkung. Die Ausgangs- und Zielräume sind:
A^†⟨u∣:G→H,:H→C,
Also ist ⟨u∣A^† die Komposition ⟨u∣∘A^†:G→H→C, tatsächlich eine Linearform auf G. Das gewöhnliche Weglassen von ∘ kann verwirren.
Beispiel 2 (Veranschaulichung in endlicher Dimension)
Kets sind Spaltenvektoren, Bras Zeilenvektoren, und der Adjungierte ist das konjugiert Transponierte. Nehmen wir beispielsweise:
A^=(10i2),A^†=(1−i02),∣u⟩=(01).
Wir erhalten denselben Zeilenvektor. Hier ist ⟨u∣A^† ein Produkt Zeilenvektor × Matrix, dessen Ergebnis ein Zeilenvektor auf G ist. Um die Unmöglichkeit einer Linkswirkung zu erkennen, versuche man A^†⟨u∣ zu berechnen, also:
A^†⟨u∣=(1−i02)(01),
Dies multipliziert eine 2×2-Matrix mit einem 1×2-Zeilenvektor und ist als Matrixoperation nicht definiert.
Aus ⟨A^u∣=⟨u∣A^† folgen schließlich durch Dagger die nützlichen Formeln:
(A^∣u⟩)†=⟨u∣A^†.
(9)
(⟨u∣A^†)†=A^∣u⟩.
(10)
Beispiel 3 (Formale Komposition mithilfe des Adjungierten)
Betrachten wir eine typische Prüfungsaufgabe der elementaren Quantenmechanik zum harmonischen Oszillator. Gegeben sind Kets ∣n⟩ für positive ganze Zahlen n und die Regeln: a^∣n⟩=n∣n−1⟩ und a^†∣n⟩=n+1∣n+1⟩. Gefragt ist: Was ist ⟨n∣a^†?
Glaubt man, dass a^† nach links wirkt, liegt die Antwort ⟨n∣a^†=n+1⟨n+1∣ nahe. Sie ist falsch, denn die obigen Gleichungen liefern mit Gleichung (9) und A^=a^ vielmehr:
⟨n∣a^†=(a^∣n⟩)†=(n∣n−1⟩)†=n⟨n−1∣
Die folgende Abbildung fasst die Beziehungen zwischen Bras, Kets, dem Operator A^ und seinem Adjungierten zusammen.
Abbildung 1. Darstellung des Ausgangshilbertraums H und Zielhilbertraums G sowie ihrer topologischen Dualräume H∗ und G∗. Der Operator A^ besitzt eine natürliche Rechtswirkung: Er bildet ein Ket des Ausgangsraums ∣u⟩H auf ein Ket des Zielraums A^∣u⟩H∈G ab. Der Riesz-Isomorphismus konstruiert den Adjungierten A^†, der natürlich auf Kets von G nach H wirkt und die fundamentale Identität erfüllt. Achtung: Das Diagramm darf keine inverse Abbildung suggerieren! Im Allgemeinen gilt A^†=A^−1. Die oberen horizontalen Pfeile stellen Operatorwirkungen dar, die unteren die im Text besprochenen Kompositionen. Blaue und orange Pfeile bezeichnen Dagger, also den Riesz-Isomorphismus Φ oder seine Umkehrung Φ−1. Der Text nennt die wesentlichen Formeln; für die Lesbarkeit sind die Indizes H und G weggelassen. Weil die Operation involutiv ist, sind die blauen und orangen Transformationen zueinander invers. Die graue gestrichelte Linie erinnert an die Antilinearität, aus der die komplexe Konjugation in der fundamentalen Identität stammt. Die Indizes H und G dort geben den Raum des jeweiligen Skalarprodukts an.
Wir schließen mit einigen wichtigen Eigenschaften der Adjungierung:
Proposition 3 (Eigenschaften des adjungierten Operators)
Für alle stetigen linearen Operatoren A^,B^ und jeden Skalar λ∈C gilt:
(A^+B^)†(λA^)†(A^B^)†(A^†)†=A^†+B^†,=λ∗A^†,(Antilinearita¨t)=B^†A^†,(Reihenfolge beachten)=A^,(Involution).
Beweis.
Für die Komposition: Für alle ∣u⟩∈H und ∣w⟩∈G wenden wir die fundamentale Identität, Gl. (6), zweimal an:
⟨(A^B^)uw⟩=⟨A^(B^u)w⟩=⟨B^uA^†w⟩=⟨uB^†(A^†w)⟩=⟨u(B^†A^†)w⟩.
Die Eindeutigkeit des Adjungierten liefert die Behauptung. □
7. Literatur
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